Medizin & Gesundheit

Medizinische Weiterbildung als vernetzte Praxis?

Die Medizin ist ein Bereich, in dem eine beständige Fortbildung notwendig ist, da das medizinische Wissen sich vergleichsweise schnell ändert. Praktizierende Ärztinnen und Ärzte müssen sich also beständig fortbilden. Dazu steht ein breit gefächertes Angebot zur Verfügung. Die Bildung von Medizinerinnen und Medizinern ist eine wichtige Säule in einem funktionierenden Gesundheitssystem. Insofern lohnt es sich, einen Blick in medizinische Weiterbildungspraktiken zu werfen.

Als Leitfrage der Arbeit dient die folgende: Welche Faktoren wirken sich stützend oder hemmend auf den Weiterbildungsprozess von in Österreich tätigen Ärztinnen und Ärzten aus? Mit der Beantwortung dieser Frage wird eine Annäherung an einen wissenschaftlich wenig ausgeleuchteten Bereich geschafft. Zudem wird ein Werkzeug bereitgestellt, um künftige Fortbildungen zu verbessern – und somit im Endeffekt auch die Qualität für die Behandelten positiv zu beeinflussen.

Zur theoretischen Bearbeitung wurden sozialwissenschaftliche Lerntheorien herangezogen. Zu den aktuellsten Lerntheorien gehören dabei sozialkonstruktivistische Ansätze. Im Rahmen konstruktivistischer Lernszenarien wird Wissen nicht übermittelt, sondern von den Lernerinnen und Lernern jeweils individuell konstruiert. Auf diesem Ansatz basiert auch der von George Siemens geprägte Konnektivismus, dessen zentrale Annahmen als Thesen der Arbeit genutzt werden. Konnektivistisches Lernen wird mithilfe eines Wissensnetzwerks realisiert, in das die Lernenden mit steigendem Fortschritt hineinwachsen. Eine solche Vernetzung ist v. a. deshalb wichtig, weil die existierende Informationsflut eine Priorisierung der Wissensbestände nach Aktualität verlangt.

Zur Untersuchung wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt; der Forschungsprozess wurde dabei mittels der Dokumentarischen Methode durchgeführt. Dazu befragte die Autorin zwölf Spitalsärztinnen und –ärzte in Österreich mittels leitfadengestützter Interviews. Im Rahmen der gewählten Methode wurde das empirische Material sorgfältig und in mehreren Schritten analysiert. Am Ende stand die Bildung einer Typologie.

Insgesamt konnten vier Austauschtypen entwickelt werden. Typus I wird von Medizinerinnen und Medizinern ausgefüllt, die noch eher neu in ihrem Beruf sind. Deren Weiterbildungsverhalten ist primär orientiert an deren hohen Wissensdrang. Typus II wird maßgeblich von Ärztinnen und Ärzten mit deutlich mehr Berufserfahrung, z. B. Oberärztinnen und –ärzte, gebildet. Diese Gruppe ist in erster Linie darum bemüht, ihren Wissensstand zu konsolidieren, die Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen gehört zum selbstverständlichen Teil der Berufspraxis. Typus III ist eher karriereorientiert, hat eine höhere berufliche Position inne und ist – stärker als die anderen Typen – an eigener medizinischer Forschung interessiert. Die Vernetzung mit anderen bildet einen grundlegenden Teil der Berufs- und Weiterbildungspraxis. Typus IV konnte im Rahmen der durchgeführten Studie weniger konkret ausgearbeitet werden. Diese Gruppe umfasst Medizinerinnen und Mediziner mit langjähriger Berufserfahrung und entsprechend höherer beruflicher Stellung, die weniger Wert auf Austausch und Vernetzung legen.

Die empirische Studie zeigt, dass Spitalsärztinnen und –ärzte sich maßgeblich in ihrer Weiterbildungspraxis unterscheiden. So können für jeden Typus unterschiedliche stützende wie auch hemmende Faktoren definiert werden.

George Siemens geht vom Bild aktiver, selbstbestimmter Lernerinnen und Lerner aus, die sich eigenständig ein Netzwerk aus Quellen aufbauen. Die Lernenden werden schließlich selbst zu Gestaltenden dieses Netzwerks. Siemens’sche Lernprozesse sind vielfältig, offen und demokratisch. Doch wie realistisch ist dieser Lernprozess mit Blick auf die medizinische Fortbildungen in Österreich? Die erarbeitete Typologie zeigt, dass Typus III der Siemens’schen Vorstellung am ehesten entspricht. Siemens’ Vorstellung kann insofern als Idealtypus gesehen werden: Typus III investiert ein besonders hohes Maß an Zeit und Geld in Beruf und Fortbildung und zeigt ein hohes Engagement. Nicht zuletzt bricht sich Siemens’ Webromantik aber an den Realitäten praktizierender Medizinerinnen und Mediziner, der konnektivistische Lernprozess lässt sich nur bedingt auf den Untersuchungsgegenstand anwenden.

Die grundsätzliche Vorstellung allerdings, dass Lernende sich in einem Lernraum befinden und Wissen aus einem dynamischen Wissensstrom selektieren, kann durchaus hilfreich bei der Betrachtung medizinischer Lernprozesse sein. Eine praktische Anschlussmöglichkeit kann gleichzeitig auch eine Chance für konnektivistisch gestaltete Lernumgebungen sein: mit Fokus auf aktuellem Wissen, moderner Technologie und (humanen) Netzwerken können effiziente, nutzerfreundliche und zielgruppenangepasste Fortbildungsmöglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte geschaffen werden. Diese bieten die Möglichkeit, als kostengünstige und demokratische Alternativen die medizinische Bildungslandschaft zu bereichern. Gerade der Netzwerkfokus kann dabei die Kompetenz der Lernenden im Umgang mit der Vielfalt der Bildungsangebote schulen und ihnen außerdem das gewünschte Maß an Vernetzung und Austausch anbieten.

Autor
Sabine Oettrich
Jahr
2015
Lehr- / Forschungsinstitut
Fachhochschule Oberösterreich, Campus Hagenberg
Fakultät
Fakultät für Informatik, Kommunikation und Medien
Kategorie
Lizentiats-/Magister-/Masterarbeiten
Note
1

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